Israelsolidarität und was man Juden damit wünscht

Liebe Freunde der Israelsolidarität,

unter euch gibt es ja manche, die voller Selbstbewusstsein behaupten, die Kritik am bürgerlichen Staat „immerhin“ gelernt zu haben, aber dass man im Falle Israels aufgrund des in der Geschichte immer wieder auftretenden – und in besonderer Härte während des Nationalsozialismus praktizierten – gewaltätigen bis vernichterischen Antisemitismus eine Ausnahme machen müsse1. Euch möchte ich freundlichst darauf hinweisen, was ihr da mit den Interessen von Juden veranstaltet.

Nimmt man die Kritik am bürgerlichen Staat ernst, stellt man fest, dass dieser unter Anderem mit dem Einrichten der kapitalistischen Ordnung, mit der Benutzung des Staatsvolks für seinen Erfolg und mit der Beobachtung und Bestrafung jener, die das anders haben wollen, seinen Untertanen schadet. Nun wollt ihr, dass im Falle der Juden eine Ausnahme von dieser Kritik – unterstellt ihr habt sie soweit verstanden – gemacht wird. Das heißt während ihr im Allgemeinen begriffen haben wollt wie die Interessen der Menschen in kapitalistischen Staaten geschädigt sind, reduziert ihr die Interessen von Juden im Speziellen auf ein jüdisches Gesamtinteresse nach Schutz vor Praktizierung von Antisemitismus. Das Interesse daran, all die genannten Schäden, die man unter einem solchen Staat erfährt loszuwerden, muss damit diesem Interesse weichen. Den Juden wünscht ihr ausgerechnet das Weiterbestehen eines solchen Staates als „ihr“ Mittel für das unterstellte übergeordnete Allgemeininteresse anstatt eine Kritik daran zu üben, dass etwa der Zweck des Gewinnmachens und nicht das Einzelinteresse gilt. Wer so denkt, solidarisiert sich mit dem Schädigen von Interessen und zwar im Besonderen jener der Juden.

Dass Israel des Weiteren gar kein brauchbares Mittel gegen Antisemitismus ist, sieht man nicht nur daran, dass Juden in den heutigen Tagen im Nahen Osten alles andere als ungefährdet leben. Dem Staat Israel kommt es auch überhaupt nicht auf die Beseitigung von Antisemitismus an, wenn er Krieg gegen Hamas & Co. führt, sondern er betreibt was jeder andere Staat auf der Welt auch tut – die Bestrafung derer, die sich gegen ihn und seine Ordnung stellen.2 Und im Umgang mit seinen Gegnern ist es dem Staat völlig egal, welche Ansichten diese haben. Ob das nun Antisemiten sind oder aber Kommunisten, denen es darum geht, dass die Leute ein vernünftiges Leben führen können: Auf den Inhalt kommt es weder dabei an, wenn eine Bedrohung für das Leben von Leuten ansteht (es steht also auch gar nicht an, die antisemitische Ideologie aus der Welt zu schaffen), noch wenn der Inhalt Argumente dafür liefert, wie die Leute ein vernünftigeres Leben führen können. Hier zählt nur ob jemand in Opposition zum Staatsprogramm steht und welche Mittel dagegen dem Staat angemessen erscheinen – von der Observierung über Freiheitsentzug bis zur Tötung durch kriegerische Maßnahmen.

Wenn man den Antisemiten ihre Fehler einmal nachweisen will, dann sieht man, dass dieser gerade ein Bestandteil nationalistischer Ideologien ist. Wie andere Formen des Rassismus beruht der – von mir aus „moderne“ – Antisemitismus nämlich auf Sortierung eines Staatsvolkes – auch wenn bei den Palästinensern auf einen Staat verwiesen wird, dessen Gründung man erst beabsichtigt.3. Auch wenn sich die Wahl der Mittel, die Sortierkriterien und die Feindbilder unterscheiden – eine Sortierung des Staatsvolks begeht auch Israel allemal. Was damit gesagt sein will: Wer sich mit Israel solidarisiert, mag zwar den Antisemitismus mancher Palästinenser für schlimm halten, unterschreibt aber gleichzeitig eine andere Form rassistischer Selektion.

Alles in allem ist so ein Staat also etwas, das ich weder euch, liebe Israelfans, noch den Israelis, noch den Palästinensern und – das darf erwähnt sein – auch nicht mir wünsche. Stattdessen möchte ich allen die Einsicht in die Fehler von Staat und Kapital und schließlich deren Beseitigung wünschen… Und außerdem noch einen schönen Tag!

Hochachtungsvoll,
Euer Faultier :)

  1. z.B. Stephan Grigat, der eine radikale Linke in Israel nur dafür nötig hält, soziale Missstände zu entdecken aber eine Kritik, die sich gegen den Staat richtet als ein No-Go ansieht. [zurück]
  2. Dies schließt – wie derzeit der Fall – kriegerische Maßnahmen mit ein, für die das eigene Staatsvolk benutzt wird. Soviel dazu, dass es um den Schutz der israelischen Staatsbürger ginge.[zurück]
  3. Dass dabei keine reale Bedrohung für eine Ordnung anstehen muss, ist übrigens keine Besonderheit des Antisemitismus, sondern gilt auch für andere Formen von Rassismus. [zurück]

8 Antworten auf “Israelsolidarität und was man Juden damit wünscht”


  1. 1 Normalzustand Rot 07. Januar 2009 um 18:13 Uhr

    Nun wollt ihr, dass im Falle der Juden eine Ausnahme von dieser Kritik – unterstellt ihr habt sie soweit verstanden – gemacht wird.

    Naja. Hätten sie die Kritik verstanden, würden sie vielleicht nicht diesen Fehler mit der Israelsolidarität machen. Vielleicht sind sie welche wie lahmacun und wissen als Linke, dass sich Nationalismus einfach nicht gehört, mehr aber nicht. Es wäre dagegen mal interessant zu hören, was ein Israelsolidarischer so für eine Kritik an Staat und Nationalismus hat.

  2. 2 Administrator 07. Januar 2009 um 18:33 Uhr

    @ Normalzustand Rot

    Ich habe ja auf eine Behauptung der genannten Israelfans aufgebaut, die im persönlichen Gespräch vielleicht so formuliert werden würde: „ja das mit der Staatskritik sehen wir ja gar nicht so verschieden ABER bei Israel muss man das anders betrachten“.

    Ausgegangen von dieser Behauptung (also die bewusste Fehlannahme die Staatskritik, die die machen sei auch richtig) habe ich aufgezeigt, dass Juden, mit denen sie sich solidarisch erklären wollen, gar nicht damit geholfen ist, sondern man ihnen das Fortbestehen eines Schadens wünscht, den man mit ordentlicher Staatskritik (anderswo) entdeckt hätte.

    Am Ende kommt dann ja auch raus, dass die gar keine richtige Staatskritik haben können, aber das muss man ja nicht vorweg nehmen, wenn man will, dass die Angesprochenen das lesen ;)

  3. 3 Leo 07. Januar 2009 um 23:53 Uhr

    @ Faultier

    Völlig d‘accord. Man könnte insofern ohne (größere) Übertreibung behaupten, dass die allermeisten Israelsolidarischen vermulich in Anlehnung an einen berüchtigten Spruch ‚keine Parteien und Klassen mehr kennen (wollen), sondern nur noch Israel!‘

    In einer etwas hitzigeren Diskussion hat sich mal ein AD auf die Nachfrage, was er denn davon hielte, wenn sich israelische Proleten daran machen würden, ihrer Nation ernsthaft die Gefolgschaft aufzukündigen, glatt zu der Aussage hinreissen lassen, dass er dann das gewaltsame Zuschlagen des Staates und die absehbaren „Kollateralschäden“ für bedauerlich, aber letztlich notwendig erachtet. Begründung: In einer nationalstaatlich verfassten Welt mit kapitalistischem Weltmarkt bräuchten die Juden angesichts der ständigen antisemitischen Bedrohung auch so einen Gewaltapparat und eine entsprechende kapitalistische Ökonomie. Und: Vor einer antisemitischen Verfolgung durch ihren Staat wären seine Insassen immerhin ja auf jeden Fall sicher. Na wenigstens ein Trost …

    Womit die Brutalität dieses Moralismus in ihrer ganzen Widerwärtigkeit doch sehr schön auf den Punkt gebracht wäre.

  4. 4 Leo 10. Januar 2009 um 14:21 Uhr

    Nachtrag

    Die „klassische“ Argumentation zum Thema dieses Threads ist ganz aktuell übrigens nachzulesen im Blog eines Menschen, der mit solchen Kommentaren die „Wartezeit bis zum Communismus überbrückt“. Sowas gibt‘ s also auch.

  5. 5 Leo 10. Januar 2009 um 14:22 Uhr

    Die „klassische“ Argumentation zum Thema dieses Threads ist ganz aktuell übrigens nachzulesen im Blog eines Menschen, der mit solchen Kommentaren die „Wartezeit bis zum Communismus überbrückt“. Sowas gibt‘ s also auch.

  6. 6 pablo 15. Januar 2009 um 21:54 Uhr

    Wo >>selektiert

  7. 7 Administrator 15. Januar 2009 um 23:20 Uhr

    Kannst du deine Frage(?) bzw. Kritik(?) oder Anmerkung(?) bitte präzisieren? Ich weiß nicht genau worauf und ob ich überhaupt antworten soll.

  8. 8 pablo 18. Januar 2009 um 13:49 Uhr

    Deine Wortwahl ist sehr fragwürdig; wenn du von „rassistischer Selektion“ schreibst fallen mir ganz andere Vorkommnisse ein.

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